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Innsbruck, Universitäts- und Landesbibliothek Tirol (ULBT), Cod. 960
NEUSTIFTER-INNSBRUCKER SPIELHANDSCHRIFT (deutsch)
Olim: II 4 C S.2    Papier   I, 60, I* Bl.    275/280x105/110   Schmalkalden (?), 1391
Provenienz/Letztbesitzer: Neustift

Die folgenden Daten sind Auszüge aus dem gedruckten Katalog der Handschriften der Universitäts- und Landesbibliothek Tirol in Innsbruck (siehe unten angeführte Literatur). Diese Daten, insbesondere die Bibliographie, werden laufend korrigiert und ergänzt. Addenda und Corrigenda zum gedruckten Register finden Sie hier.

 Wasserzeichen:  Metadaten  |  Vorschau Bilder  |  Einzelbilder: fol. 12, 13, 46, 50.
Literatur zur Handschrift: Kat. Innsbruck 10, 64-68 (online).
Lagen: Lagen: (I−1)I (Vorsatzbl.) + IV8 + 2.V28 + 2.VI52 + IV60 + (I−1)I* (Nachsatzbl.). Gegenblatt des Vor-bzw. Nachsatzblattes als Spiegel am VD bzw. HD aufgeklebt. Neben der Foliierung des 19. Jh. zeitgenössische Foli-ierung in römischen Zahlen in der Mitte des oberen Blattrandes der Rectoseiten. Bl. 1, 2 und 60 ohne Zählung. Zahl L doppelt, Bl. 51 von späterer Hand ausgebessert zu L1. Bl. 59 mit Zählung IL. Das Schmalfolioformat (auch als Heberegisterformat bezeichnet) entspricht der Verwendung der Hs. als „Rollenbuch“ und ist für mit-telalterliche Spielhandschriften charakteristisch (in Tirol z. B. Sterzinger Passion, Haller Passion, Bozner Passi-on, außerhalb Tirols z. B. Donaueschinger Passion, Egerer Passion).
Bilder und Nachweise der Wasserzeichen s. WZMA. Wasserzeichenbefund: 4. Viertel 14. Jh.
Schrift:
Schriftraum: 230/245 x 80    Zeilenzahl: 37-46   
Schriftart: Textualis cursiva
Überschriften und Regieanweisungen in Textura von der gleichen Hand (Schreiber A), datiert 26.8.1391 (Bl. 34v, Maria-Himmelfahrtsspiel), 1.9.1391 (Bl. 50r, Osterspiel) und 5.9.1391 (Bl. 59r, Fronleichnamsspiel). Schreibdauer für die einzelnen Spiele dadurch genau zu ermitteln. Entstehung der Hs. ist umstritten: Thüringen: Schmalkalden wegen der Mundart des Schreibers, Tirol: Neustift evt. wegen des Papiers; Schreiber bzw. Geistliche aus Mitteldeutschland in Tirol häufig belegbar. In Neustift für 1384 ein Chorherr „Georg, genannt der Heuss (= Hesse) belegt, s. Giner, Chorherrenverzeichnis 8. Für den Weg von Thüringen nach Neustift zwei Möglichkeiten: 1) Hs. in Thüringen 1391 geschrieben und von dort nach Neustift gebracht; 2) ein Kleriker aus Thü-ringen brachte die Vorlage von dort mit nach Neustift und schrieb sie dort ab oder ließ sie abschreiben. Heute neigt man (z. B. Michael, Moser, Thoran, s. bei L) eher der ersten Möglichkeit zu, umso mehr, als das Papier auch in Deutschland belegt ist und zu erwartende Tiroler Dialekteinflüsse nicht nachweisbar sind. Schreibername Iohannes (Bl. 59r, in der Schlussschrift des letzten Spieles, kein inhaltlicher Bezug dieses Na-mens zum Spiel). Nähere Zuweisung an einen bestimmten Neustifter Chorherren nicht möglich, da zu dieser Zeit viele Träger des Namens Iohannes für Neustift belegt, evt. ein Iohannes Preydler (Vizedekan in Neustift, † 1433; dieser Name in Tirol nicht belegt, Mitteldeutschland wäre nicht auszuschließen). Zusätze von verschiedenen Händen: 1) lateinische und deutsche Regieanweisungen, tw. rot, am Rand und im Text von verschiedenen Händen, tw. vom Schreiber A. 2) Bl. 59r−60r zusätzlicher lateinischer Text, der nicht zu den Spielen gehört (s. Nr. 4) (Schreiber B). Textualis cursiva, zw. 1391 und 1445 geschrieben. Text später vom Schreiber C durchgestrichen. 3) Eintragungen Bl. 50v, 51v (Anweisungen zur Aufführung der Spiele) und 60v (Todesnotiz Oswalds von Wolkenstein, s. Nr. 5) Notula in tiefschwarzer Tinte (Schreiber C, 1445 in Neustift). Schreiber C vielleicht der Neustifter Chorherr und Stiftschronist Johannes Kellner (Iohannes librari-us), s. Neuhauser, Spielhandschrift 11. 4) Bl. 60r−v Federproben.
Ausstattung: Rubriziert   
Bl. 35v (Beginn des Osterspiels) vierzeilige, bis an den oberen Blattrand gezogene Initiale H in roter Feder-zeichnung in Form von mehreren wellenförmig verlaufenden Linien, welche zopfförmig miteinander verflochten sind, Querverbindung der Schäfte in Form von zwei stilisierten, in verschiedene Richtungen blickenden Gesichtern.

Einband: Neustift     Ende 18. Jh.     Neuzeitlicher Gebrauchseinband     schmucklos        


Die Hs. befand sich aufgrund der Eintragung des Todes Oswalds von Wolkenstein (Schreiber C, s. bei S bzw. Nr. 5) spätestens 1445 in Neustift und wurde hier für Aufführungen verwendet (s. die Regieanweisungen in der Hs.). Bisher keine urkundlichen Nachweise für die Aufführungen bekannt. Im 18. Jh. in Neustift gebunden. In der Hs. keine Neustifter Besitzvermerke oder Signaturen. Vermutlich 1809 aufgrund der vorübergehenden 1807 erfolgten Aufhebung des Klosters Neustift der ULBT übergeben. In Cod. 1022, einem Verzeichnis der nach Neustift zurückzustellenden bzw. an der UB Innsbruck verbleibenden Bücher nicht nachweisbar, daher in der Literatur bisweilen auch anderer Weg, evt. über weitere Zwischenbesitzer zwischen Neustift und der ULBT an-genommen, s. Neuhauser, Spielhandschrift 15. 1837 mit Sicherheit an der ULBT, in diesem Jahr wurde der ers-te Herausgeber der Texte, F. J. Mone, vom Direktor der ULBT, Martin Scherer, auf die Hs. aufmerksam gemacht (1841 erstmals ediert). Älteste Signatur der ULBT I ͞͞͞͞2͞4 D in der Direktion Scherers vergeben, spätere Signatur II ͞͞4 C S. 2 entweder noch unter Scherer oder bald danach, dann 154 C 24 (ca. 1870, in der Hs. nicht eingetragen, nur im Katalog, dem sog. Lokalrepertorium). Über die angebliche zeitweise Unauffindbarkeit der Hs. zu Beginn des 20. Jh. s. Neuhauser, Spielhandschrift 15. 1939 Amtsvermerk des damaligen Direktors der ULBT, Dr. Rudolf Flatscher, über den Erhaltungszustand der Hs., vermutlich bald danach tw. Restaurierung einiger Blätter der Hs.
Vorbesitzer: Neustift, Augustiner-Chorherrenstift
Walter Neuhauser

---------------   Addenda/Corrigenda bitte melden!    ---------------

"Kat. Innsbruck 10", "Mone", "Hartl", "Neuhauser, Beschwörungsformel", "Ed. Neuhauser, Spielhandschrift"
alle Initien
(1r-34v) Maria-Himmelfahrtsspiel (Ed. Mone 19–106).
   2
1r Tit.: Hic incipit ludus de assumptione beatae Mariae virginis. Primo exiit Iesus cum suis angelis, procedit cum vialatoribus, praecursor dicit.
Nue hort ir lieben leute ... — ... uns lenger nicht gespart. Et cetera.
34v Schlussschrift:Explicit ludus de assumptione, est completum anno domini M° CCC° nonagesimo primo sabato die post Bartholomaei.
(35v-50r) Osterspiel (Ed. Mone 107–144. Hartl 136–189).
   2
35v Tit.:Hic incipit ludus de resurrectione domini. Primo enim exiit Pilatus cum suis militibus. Expositor ludi dicit.
Vornemet alle gliche, beide arm und riche ... — ... Crist ist erstandin von hymmelriche etc.
50r Schlussschrift: Explicit ludus de resurrectione domini anno domini M° CCC° nonagesimo primo completus est liber iste sexta feria in die Aegidii.
(51r-59r) Fronleichnamsspiel (Ed. Mone 145–164).
   2
51r Tit.: Hic incipit ludus de corpore Christi. Primo Adam dicit.
Ich bins der Adam, der leyder von ungehorsam ... — ... daz uns daz alles muße geschen darum soe sprecht amen.
59r Schlussschrift: Explicit liber de corpore Cristi anno domini M° CCC° nonagesimo primo tertia die ante nativitatis Mariae virginis.
(59v-60r) Beschwörungsformel in lateinischer Sprache (Ed. Neuhauser, Beschwörungsformel 1979, 230f.). Schreiber B.
   1
59v Veni ante ortum solis ad … (zerstört, wohl: herbam) floridam et circumda eam tribus vicibus cum auro et argento ... — ... tange corpus nudum utique te diligat.
(60v) Memorialnotiz über den Tod Oswalds von Wolkenstein am 2.8.1445, geschrieben bald nach 2. 8. 1445 (Ed. Neuhauser, Spielhandschrift 16). Schreiber C.
   1
60v Osbaldus (!) Wolkenstainer praebendarius Novaecellensis obiit Merano die secundo mensis Augusti huc magno labore et in calore vectus 1445. Cui iuratum super euangelio fuit per dominum decanum ex parte nostra eodem anno in profesto Witi.