Für die zeitliche Einordnung undatierter Papierhandschriften stehen mit gedruckten und online verfügbaren Wasserzeichenrepertorien (vgl. http://www.ksbm.oeaw.ac.at/wz/lit/rep.htm) Hilfsmittel zur Verfügung, die häufig eine genauere Datierung der Manuskripte erlauben als dies durch paläographischen Vergleich mit datierten Schriften möglich wäre. Für eine große Anzahl von Manuskripten − neben Pergamenthandschriften auch die überwiegende Mehrzahl kleinformatiger Papierhandschriften, deren Wasserzeichen fragmentiert sind und daher nur beschränkt zur Datierung herangezogen werden können − steht als Methode der Datierung ausschließlich der Schriftvergleich zur Verfügung.

Um die Datierung von Schriftstücken auf Grund ihres Schriftcharakters zu erleichtern, wurde 1952 vom Comité International de Paléographie (jetzt Comité International de Paléographie Latine) ein internationales Projekt mit dem Ziel der Publikation von Katalogen datierter Handschriften in lateinischer Schrift gestartet. Diese Kataloge sollten durch beigegebene Abbildungen die Basis für einen paläographischen Atlas zu den lateinischen Schriften legen. Dadurch sollte auch eine breitere Grundlage als bis dahin für die Erarbeitung von Datierungs- und Lokalisierungskriterien geschaffen werden. Kataloge datierter Handschriften erschienen bislang für die Länder Belgien, Deutschland, Frankreich, Großbritannien, Italien, Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz und Vatikan (Gesamtverzeichnis der Kataloge z. B. unter http://www.palaeographia.org/cipl/cmd.htm).

Im Rahmen der Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters wurden im Zeitraum 1969/1988 acht Bände publiziert (vgl. Veröffentlichungen der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters). Sie behandeln die datierten Handschriften der Österreichischen Nationalbibliothek, des Landes Steiermark und eines Teils der niederösterreichischen Bibliotheken.

1986 war von der Kommission die Einstellung der Reihe beschlossen worden; an die Stelle der Kataloge traten ab diesem Zeitpunkt lose Tafeln mit den Abbildungen datierter bzw. auf einen engeren Zeitraum datierbarer Handschriften sowie von Codices mit Schreibernennungen ohne Datierung, die den jeweiligen Generalkatalogen des "Verzeichnisses der Handschriften österreichischer Bibliotheken" beigegeben wurden. Beihefte dieser Art wurden bislang gemeinsam mit den Katalogbänden zu den Fonds Klosterneuburg, Kremsmünster und Innsbruck ausgeliefert.

 Projektgeschichte . . .

Auf der Sitzung der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters am 19. Juni 2006 wurde in einem von den Mitarbeitern der genannten Kommission Alois Haidinger und Franz Lackner unterzeichneten Handout vorgeschlagen, in Zusammenarbeit mit der Österreichischen Nationalbibliothek die acht Text- und Tafelbände des Katalogs der datierten Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich auf der Website der Kommission in recherchierfähiger Form zur Verfügung zu stellen. Als Hauptvorteile einer Online-Version wurde die Möglichkeit einer schnelleren und vielfältigeren Suche im Datenbestand und die Möglichkeit der Korrektur beziehungsweise Ergänzung der Daten (etwa durch Integration der bereits um 1985 von Franz Lackner angelegten Beschreibungen der datierten Handschriften des Stiftes Klosterneuburg) genannt.

Nach Vorliegen der Erlaubnis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften zur Publikation der Katalogbände im Internet wurden die Bände eingescannt und die Daten für das Internet aufbereitet. Von der Österreichischen Nationalbibliothek wurde das Einscannen der ihre Handschriften betreffenden ersten vier Bände finanziert und die Nachbearbeitung der Scans dieser Bände übernommen. Die Kosten für das Einscannen der Bände fünf bis acht wurden von der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters getragen.

Die für die Online-Recherche nötigen Daten wurden von Werkvertragsnehmern aus den Textbänden des Katalogs in drei Tabellen übertragen: Eine Tabelle mit den Signaturen der Handschriften und ihrem Nachweis im Katalog (Band, Seite, Abbildung(en), eine Tabelle mit den Datierungen der Handschriften und eine Tabelle mit den in den Manuskripten genannten Schreibern und Vorbesitzern. Die Verküpfung der in MySQL-Format auf dem Server der Akademie der Wissenschaften abgelegten Tabellen geschieht durch eine jeder Signatur zugeordnete Identifikationsnummen; die im Browser sichtbaren Seiten werden durch PHP-Skripte bei Aufruf einer Benutzeranfrage generiert. Die Programmierung der Seiten erfolgt durch Alois Haidinger.

Der Online-Katalog ermöglicht derzeit folgende Suchanfragen:
− Aufruf einer im Katalog der datierten Handschriften vertretenen Handschriftensignatur über zwei Auswahllisten (Bibliothek − Signatur) mit Anzeige des eingescannten Katalogtextes und eines auf die entsprechende(n) Abbildung(en) verweisenden Links.
− Aufruf der eingescannten Abbildungen mit Schriftspecimina zu einem vom Benutzer definierten Zeitraum
Die Suche nach Schreibern und Vorbesitzern in den kumulierten Registers des Katalog wird im Laufe des Jahres 2009 implementiert werden.

Derzeit sind im WWW nur Abbildungen der Manuskripte jener Bibliotheken abrufbar, die bereits ihr Einverständis zur Veröffentlichung von Abbildungen aus ihren Manuskripten gegeben haben: Es sind dies die Österreichische Nationalbibliothek, die Universitätsbibliothek Graz, die Bibliothek des Schottenstifts in Wien sowie jene des Benediktinerstiftes Admot mit insgesamt rund 85% der in den Katalogen der datierten Handschriften behandelten Manuskripte (vgl. die Übersichten zur Anzahl der datierten Handschriften in den katalogisierten Bibliotheken beziehungsweise zur zeitlichen Verteilung der Datierungen). Von den übrigen der in den genannten Katalogen vertretenen Bibliotheken Wiens, Niederösterreichs und der Steiermark ist die Erlaubnis zur Veröffntlichung der Abbildungen aus ihren Manuskripten noch einzuholen.

Der Online-Katalog datierter Handschriften kann (und soll) jederzeit um Beschreibungen datierter Handschriften, die nicht im Katalog der datierten Handschriften Aufnahme gefunden haben, erweitert werden (siehe z. B. Schwaz OFM, Cod. B von 1515); − in erster Linie soll er um Schriftproben aus jenen Handschriften vermehrt werden, deren kodikologischen Merkmale bereits im Rahmen des Projektes "WZMA − Wasserzeichen des Mittelalters" erhoben wurden und die auf Grund ihrer Wasserzeichenanalyse auf wenige Jahre genau datiert werden können. Dies betrifft in erster Linie Manuskripte der Stiftsbibliothek Klosterneuburg, des Wiener Schottenstifts, der Universitätsbibliothek Innsbruck und der Österreichischen Nationalbibliothek. Auf diese Weise kann mit geringem finanziellem Aufwand ein den gedruckten Bänden der datierten Handschriften zumindest ebenbürtiges Hilfsmittel zur Datierung von Handschriften geschaffen werden.

   Online-Katalog "Datierte Handschriften in lateinischer Schrift in Österreich"

Alois Haidinger (4.12.2008)