Die früheste derzeit bekannte wissenschaftliche Beschäftigung mit den Seitenstettener Handschriften geht in das zweite Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts zurück: In den Jahren 1714 und 1715 unternehmen die beiden Melker Historiker Bernhard und Hieronymus Pez zur Vorbereitung der Edition ihrer Quellenwerke Bibliotheksreisen in österreichische Klöster, darunter auch nach Seitenstetten. In einer Liste, die im Jahr 1716 in Krauses 'Bücherhistorie' gedruckt wird, nennen sie an erster Stelle das 'Chronicon vetus Monasterii Seitenstadiensis' (vermutlich ist damit der Codex Gundakeri, ein Kopialbuch aus der 1. Hälfte 14. Jh. gemeint) und weitere sieben Texte aus verschiedenen Codices dieser Bibliothek, die ihnen beachtenswert erscheinen, jedoch ohne Angabe der Signaturen.1 Es handelt sich um folgende Werke:
2) Leonardus Huntpichler: 'Tractatus de quattuor novissimis' (Cod. 291)
3) 'Criminatio Iohannis Buridani', ein 'Commentariolus historicus' über Buridans Verhältnis zu Johanna von Navarra (in Cod. 178).
4) Iohannes de Ragusio: 'Oratio de communione sub utraque specie', gehalten auf dem Basler Konzil (in Cod. 251)
5) Franciscus de Toleto: 'Epistola de communione sub utraque specie' an Iohannes Rokycana (ebenfalls in Cod. 251)
6) Henricus de Hassia: 'Lectura super prologo Bibliorum' (überliefert in Cod. 114 und in Cod. 189)
7) Franciscus de Brega: 'Quaestiones de sacramento eucharistiae contra Hussitas' (in Cod. 280)
8) Georg Reichart: 'Tractat von der Autorität der Kirchen' (1551) (im vorliegenden Inventar nicht beschrieben)
Am Schluß wird noch auf die 'Historia fundationis monasterii Seitenstettensis' verwiesen: “Unter den übrigen Codicibus dieses Klosters, welche sich an der Zahl ungefähr auff 100. Stück belauffen, findet man nichts besonderes. Ausser daß die Schrifft des Abt Gundackers, welcher diesem Stiffte von 1318. biß 1329. löblich vorgestanden, noch verdienet erwehnet zu werden. Es ist solche eine kurtze Lebens-Beschreibung Udalschalci, Grafens von Stille und Heft, des ersten Stiffters von Seittenstäten, welche der P. Hieronymus Pez seinen Scriptoribus Rerum Austriacarum einverleiben wird.” (Pez S. 187; Druck: Pez, SSRA II, 301-318).

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts, vermutlich im letzten Jahrzehnt, wird der heute noch in Verwendung stehende zweibändige und mit einem Register versehene, jedoch anonyme Handschriftenkatalog des Stiftes Seitenstetten fertiggestellt,2 als dessen Bearbeiter erst durch Heimo Cerny3 die beiden Seitenstettener Benediktiner Maximilian Pampichler (+ 1814) und vor allem Rudolf Kapeller (+ 1827) namhaft gemacht werden (Cerny S. 71 f.).

Diesen Katalog, der 305 Handschriftennummern aufführt, benützt vermutlich Joseph Chmel für seinen von der Forschung völlig übersehenen Reisebericht aus dem Jahr 1831, in dem er 53 Handschriften in Kurzbeschreibungen vorstellt4 und einige Texte daraus abdruckt.5

Auch Rudolf Wolkan kennt den Reisebericht Chmels nicht, als er im Jahr 1913 eine Auflistung von 104 Seitenstettener Handschriften6 mit der Bemerkung einleitet: "Von den 320 Handschriften des 1112 gegründeten Klosters, dessen Bibliothek namentlich im 15. Jahrhundert reichen Zuwachs erhielt, ist bisher nur wenig bekannt geworden" (Wolkan S. 2).

Ähnliches kann auch heute noch festgestellt werden, wenn auch Heimo Cerny, der weder Chmels Verzeichnis noch Wolkans Überblick kennt, in seiner Dissertation versucht hat, "einen ersten Überblick über den Seitenstettner Handschriftenbestand zu bieten, zumal das hier in reicher Fülle vorliegende Material infolge des Mangels an Vorarbeiten bis jetzt kaum zugänglich und verwertbar gewesen ist" (Cerny S. 71). Cerny, der ihm Rahmen seiner Arbeiten gemeinsam mit Oliver Kapsner, dem Leiter der Mikroverfilmung der Handschriften österreichischer Bibliotheken durch die Hill Monastic Library im Jahr 1965, erst die Paginierung bzw. Foliierung der Handschriften vornehmen mußte (Cerny S. 72 Anm. 9), beschäftigt sich zunächst mit der Herkunft der Handschriften und macht dabei die interessante Entdeckung, daß zu einem mittelalterlichen Grundbestand von 150 Handschriften, der Ende des 15. Jahrhunderts um ein Legat des Johannes Hofmüllner aus Weitra (+ 1475) von 17 Handschriften erweitert wurde, erst in der Neuzeit 122 mittelalterliche Handschriften in das niederösterreichische Benediktinerstift kamen, davon 48 höchst interessante Stücke aus der alten Wiener Universitätsbibliothek während der Regierungszeit des Abtes Dominik Gußmann (1747-1777)7 und 42 aus dem 1784 aufgehobenen Kollegiatstift Ardagger (Cerny S. 73-78).

Wie dies auch in anderen österreichischen Klosterbibliotheken geschah, wurden in der Zwischenkriegszeit des 20. Jahrhunderts zahlreiche Handschriften (aus Seitenstetten 33) verkauft (Cerny S. 72 und Anm. 11) und sind heute über die ganze Welt verstreut; der Verbleib der Hälfte dieser Handschriften (17) konnte bisher nicht ermittelt werden.

Für die systematische Darstellung des Inhalts der Handschriften (Cerny S. 92-143) zieht Cerny nur jene Handschriften heran, die sich bereits im 15. Jahrhundert in Seitenstetten befanden. Trotz seiner bahnbrechenden Arbeit ist eine weitere Beschäftigung mit den Seitenstettener Handschriften ausgeblieben. Seine angekündigte Veröffentlichung über die Seitenstettener Codices aus der alten Wiener Universitätsbibliothek (Cerny S. 77) ist nie erschienen. Die Codices dieser Provenienz werden jedoch derzeit im Rahmen eines Forschungsprojekts über Universitätshandschriften von Dr. Martin Wagendorfer an der Kommission für Schrift- und Buchwesen des Mittelalters neu katalogisiert.

Zur Methodik des Inventars

Die Anlage dieses Inventars geht auf das Forschungsprojekt "Mittelalterliche Handschriften Niederösterreichs" zurück (Projektleiter: Alois Haidinger; Projektmitarbeiterin: Christine Glaßner; Laufzeit: 1988-1990). In diesem Projekt wurden die Register der Handschriftenkataloge niederösterreichischer Bibliotheken in einer Datenbank zusammengefaßt und mit Angaben aus dem wichtigsten Repertorien (im Falle Seitenstettens auch mit den Daten aus Cernys Dissertation) kumuliert und in Übereinstimmung zu bringen versucht. Cernys Verdienst ist vor allem die Feststellung der Provenienz zahlreicher Codices und die Angabe genauer Standorte vieler Einzeltexte mit Seitenzahlen. Bei der Analyse des Inhalts stützt sich Cerny vorwiegend auf den handschriftlichen Katalog; Neuidentifikationen von Texten sind nicht sehr zahlreich. Cerny steuert aber mitunter an recht abgelegener Stelle und daher schwer zu eruierende Drucknachweise bei (etwa zur 'Criminatio Iohannis Buridani' in Cod. 178, 101r-102v).

Für das Inventar wurde zunächst nur die Angaben zum Inhalt der Handschriften berücksichtigt, die in den folgenden Jahren laufend vor allem um Repertoriums- und Drucknachweise ergänzt und erweitert wurden.

In Vorbereitung der Publikation dieses Inventars für das Internet wurden schließlich die Daten anhand des handschriftlichen Katalogs überprüft, korrigiert und ergänzt und die Initien aus dem Katalog hinzugefügt. Dieser Arbeitsschritt war Grundlage zahlreicher Neuidentifikationen verschiedenster Texte. Von großem Nutzen erwies sich dabei neben den allgemein zugänglichen Repertorien und elektronischen Hilfsmitteln die von der Verfasserin im Rahmen der Katalogisierung der Handschriften des Benediktinerstiftes Melk angelegten Sammlungen von Initien, Autorennachweisen und bibliographischen Angaben zu zahlreichen Werken. Weiters wurden die Angaben zum Beschreibstoff, zur Datierung und zu Schreibern und Vorbesitzern aus dem Katalog übernommen.
Schließlich erfolgte die Verknüpfung der Einträge zum Inhalt mit den Literaturangaben aus der Bibliographie zu mittelalterlichen Handschriften in Österreich und eine nochmalige Überprüfung und Bearbeitung unter Einbeziehung der aus der Sekundärliteratur ermittelten Daten.

Zur Anlage der Kurzbeschreibungen

Auf die Signaturzeile folgt die Datierung mit Angabe der Quelle, sofern sie von jener des handschriftlichen Katalogs abweicht. Im Jahr 1992 haben Alois Haidinger und Franz Lackner den gesamten Seitenstettener Handschriftenbestand durchgesehen8 und zahlreiche Präzisierungen der Datierungen vorgenommen. Diese wurden hier mit deren Zustimmung und mit dem Vermerk 'Autopsie Haidinger/Lackner' eingefügt. Falls sich die entsprechende Handschrift heute nicht mehr im Besitz des Benediktinerstiftes Seitenstetten befinden, wird, sofern bekannt, ihr derzeitiger Bibliotheksstandort mit Signatur angegeben. Einige dieser Bibliotheksstandorte wurden erst im Rahmen der Erstellung dieses Inventars ermittelt (Cod. 10, 44, 57, 77 und 79).

Unter der Sigle G folgen Hinweise zur Geschichte bzw. Provenienz der Handschrift, unter der Sigle L finden die Literaturangaben ihren Platz. Wenn keine Angaben zu einer Sigle erhoben werden konnten, entfällt diese.

Die Einträge zum Inhalt der Handschriften beginnen jeweils mit Signatur (in eckigen Klammern) und Seitenzahlen oder Nummer des Textes in der Handschrift nach Schrägstrich entsprechend dem handschriftlichen Katalog, zuweilen auch beide Angaben (also z. B. [13]/1 = f. 1-8). Wenn der Text die gesamte Handschrift umfaßt, finden sich im Katalog und daher auch in diesem Inventar keinerlei Standortangaben. Standortnummern nach Schrägstich in eckiger Klammer stammen von der Bearbeiterin. Sie sind als Hilfskonstruktion dort gedacht, wo der Katalog keine Nummern verwendet und geben nicht zwingend die Abfolge dieser Texte in der Handschrift wieder.

Bei Autorennamen und Werktiteln wurde Vereinheitlichung der Ansetzungsform angestrebt. Die Erfassung der überlieferten Texte und die Neuidentifikationen beruhen auf Angaben aus dem handschriftlichen Katalog bzw. der Sekundärliteratur, nicht auf Autopsie der Handschriften. Fehlansetzungen und - zuweisungen sind daher nicht auszuschließen. Außerdem wird man davon ausgehen müssen, daß in den Handschriften weitere Kurztexte überliefert sind, die im handschriftlichen Katalog nicht ausgewiesen werden. Im Katalog nicht genannte und daher neu ermittelte Autoren wurden in Spitzklammern gesetzt. Den Werktiteln angefügte Repertoriumsnachweise und Editionen sind als zusätzliche Informationen zum Werk aufzufassen und bedeuten nicht, daß die Überlieferung anhand der Ausgabe oder des Repertoriums überprüft wurde; hier wurde auch keinerlei Vollständigkeit angestrebt. Ist ein Repertorium oder eine Ausgabe jedoch unter Sigle L genannt oder wird ein Initium angegeben, so kann die Zuweisung als verläßlich(er) angesehen werden. Abgekürzt zitierte Literatur im Beschreibungsteil der Handschriften ist entweder bei den unter der Sigle L genannten Publikationen oder im beigefügten Verzeichnis der Abkürzungen nachzuschlagen.

Die Initien wurden aus dem handschriftlichen Katalog entnommen und hier normalisiert wiedergegeben. Schreiber- und Vorbesitzernotizen entsprechen dem Wortlaut des Katalogs. Da nicht sicher ist, ob dieser mit dem Wortlaut der Handschrift übereinstimmt, wurden diese Einträge nicht kursiv gesetzt.

Da die Daten über eine allgemeine WWW-Suche bzw. über eine site-spezifische Suche leicht auffindbar sind, wurde zunächst auf die Beigabe eines Registers verzichtet.

Wien, im Juli 2005

Christine Glaßner


1 Bernhard und Hieronymus Pez, Nachricht von den vornehmsten Codicibus MStis einiger Klöster in Oesterreich, in: Johann Gottlieb Krause (Ed.), Umständliche Bücher-Historie oder Nachrichten und Urtheile von allerhand alten und neuen Schrifften ... Teil 2. Leipzig 1716, 176-206, hier: 186-188. – Handschriftlich überliefert im Itinerar der Brüder Pez (Melk, Cod. 1850, 67rv).

2 Codicum Manuscriptorum Bibliothecae Seitenstettensis Tom. I-II, Index [handschriftlich]. [o. J., um 1800], in photomechanischer Reproduktion vorliegend (University Microfilms International, Ann Arbor, Michigan, USA).

3 Heimo Cerny, Beiträge zur Geschichte der Wissenschaftspflege des Stiftes Seitenstetten im Mittelalter. Studien und Mitteilungen zur Geschichte des Benediktinerordens und seiner Zweige 78 (1967) 68-143.

4 Joseph Chmel, Bericht über eine im Jahre 1831 unternommene kleine Reise zum Behufe der Oesterr. Geschichts-Quellen-Sammlung. Oesterreichische Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde (hrsg. von J[ohann] P[aul] Kaltenbaeck) 2 (Wien 1836) 369-371, 376, 379 f., 383 f., 388, 392, 395 f., 404, 407 f.

5 Joseph Chmel, Beilagen zu den [!] Bericht über eine im Jahre 1831 unternommene kleine Reise zum Behufe der Oesterr. Geschichts-Quellen-Sammlung. Oesterreichische Zeitschrift für Geschichts- und Staatskunde (hrsg. von J[ohann] P[aul] Kaltenbaeck) 3 (Wien 1837) 127 f., 131 f., 139 f., 152, 156, 159 f., 164, 176.

6 Rudolf Wolkan, Aus österreichischen Handschriftenkatalogen. III: Aus den Handschriften des Benediktinerstiftes Seitenstetten. Österreichische Zeitschrift für Bibliothekswesen 3. Folge 1 = 17 (1913) 2-7, 186-194.

7 Cerny rechnet unter Berücksichtigung der verkauften Handschriften mit einer ursprünglichen Anzahl von 60-70 Codices dieser Provenienz (Cerny S. 76). – Der überwiegende Teil des Bestandes der alten Wiener Universitätsbibliothek, nämlich 2787 Bände, darunter 1037 Handschriften und 364 Wiegen- und Frühdrucke bis 1550 wurden im Jahr 1756 in die Hofbibliothek übernommen (vgl. Josef Stummvoll, Geschichte der Österreichischen Nationalbibliothek I: Die Hofbibliothek (1368-1922) [ Museion N.F. Reihe 2, 3/1]. Wien 1968, 240). Da dieser Bestand in der Österreichischen Nationalbibliothek heute nicht geschlossen aufgestellt ist, ist die rasche Auffindung der einzelnen Bände nur über Signaturenkonkordanzen möglich (Konkordanz Codices Universitatis - Tabulae-Signaturen und Konkordanz Tabulae-Signaturen - Codices Universitatis). Handschriftliche Verzeichnisse der Codices aus der alten Universitätsbibliothek, deren Erschließungstiefe über jene der Tabulae-Kataloge (Tabulae codicum manuscriptorum praeter graecos et orientales in Bibliotheca Palatina Vindobonensi asservatorum I-X [Cod. 1-19.500]. Wien 1864-1899 [Reprint: Graz 1965]) hinausgeht, finden sich in Wien ÖNB, Cod. Ser. n. 2194 - 2196 (Joseph Benedikt Heyrenbach: Katalog der Codices Unversitatis 1-200, 201-350 und 357-551. Wien 1777 und 1778, Band 3 undatiert.) und in Cod. Ser. n. 2201 (Johannes Georg Schwandner: Katalog der Codices Universitatis 1-1018. Wien 1780). Ein Autorenregister von der Hand Joseph Benedikt Heyrenbachs aus dem Jahr 1761 liegt in Cod. 11891 vor. Vermutlich auf diesen handschriftlichen Katalogen beruhende ausführliche Beschreibungen zahlreicher Handschriften aus diesem Bestand sind gedruckt bei Michael Denis, Codices manuscripti theologici Bibliothecae Palatinae Vindobonensis latini aliarumque occidentis linguarum. 2 Teile in 6 Bänden. Wien 1793-1802.

8  Alois Haidinger, Drei Determinations-Ankündigungen aus dem Stift Klosterneuburg. Wiener Jahrbuch für Kunstgeschichte 46/47 (1993/94) 237-244 und 425-428 (Abb.), hier: 240 Anm. 19.